Schlafapnoe | Podcast Folge 30

mann schläft

Wie wir bereits in der ersten Folge gelernt haben, ist Schnarchen an sich erstmal ungefährlich. Wenn im Schlaf jedoch über längere Sekunden gar nicht mehr geatmet wird, sollte man einen Arzt aufsuchen. Denn dabei kann es sich um Schlafapnoe handeln, was ohne ärztliche Behandlung zu einer verkürzten Lebensdauer führen kann.

Experte: PD Dr. med. habil. Miloš Fischer, HNO-Arzt

Dr. Fischer

Facharzt für HNO-Heilkunde

PD Dr. med. habil. Miloš Fischer

Als Gründer von schlaf-gesund.com unterstützt Jan Herzog seine Klienten dabei, mehr Energie, Lebensqualität und Gesundheit durch einen gesunden Schlaf zu entwickeln. Mittlerweile gibt es bereits sechs Filialen, die zur Erfüllung dieser Aufgabe beitragen.

Schlafapnoe – Wenn die Atmung plötzlich aussetzt

Schnarchen an sich ist erst mal ungefährlich. So viel haben wir schon in der ersten Folge „kernig & gesund“ gelernt.

Doch spätestens, wenn sich vermehrt Atemaussetzer dazugesellen, sollte man einen Arzt aufsuchen, denn dann könnte das auch Schlafapnoe sein. Und unbehandelt kann das Konsequenzen haben, bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung.

„kernig & gesund“, der Gesundheits-Podcast präsentiert von apodiscounter.de

Mario D. Richardt: Einen wunderschönen guten Tag zu einer brandneuen Folge „kernig & gesund“. Mein Name ist Mario D. Richardt und ich bespreche jede Woche mit Fachärzten ein Gesundheitsthema.

Heute geht es um ein Thema, bei den Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Atem stockt, die Schlafapnoe. 5 bis 10 % der Bevölkerung leidet darunter und die meisten wissen es vielleicht gar nicht. Dabei ist es wichtig, dass es erkannt wird.

Und darüber spreche ich heute mit Privatdozent Dr. Miloš Fischer. Er ist Facharzt für HNO-Heilkunde, war von 2012 bis 2016 Oberarzt in der Uniklinik in Leipzig, im Anschluss dann leitender Oberarzt einer HNO-Klinik im Schwarzwald, und nun hat er eine Praxis hier in Leipzig. Guten Tag, Dr. Fischer!

Miloš Fischer: Guten Tag, Herr Richardt! Hallo!

Mario D. Richardt: Schön, dass Sie da sind. Ganz kurz noch mal, wie spreche ich eigentlich Schlafapnoe richtig aus?

Apnoe oder ist es eine Apnoe?

Miloš Fischer: Beides ist möglich, da gibt’s keine Regel.

Was ist die Schlafapnoe?

Mario D. Richardt: Was ist denn die Schlafapnoe?

Miloš Fischer: Sie haben es eingangs schon gesagt, das ist eine schwerwiegende Erkrankung, die Konsequenzen haben kann für die Patienten.

In der Regel geht sie einher mit einem nicht erholsamen Schlaf durch das Auftreten von nächtlichen Atemaussetzern.

Mario D. Richardt: Das heißt, das ist im Prinzip ein Schnarchen und ab und zu kommt ein Atemaussetzer, den man vielleicht im schlimmsten Fall gar nicht merkt.

Miloš Fischer: In der Regel ist es so, dass die Patienten das selbst gar nicht merken. Das ist richtig. Es ist nicht zu vergleichen mit dem harmlosen Schnarchen, aber das Schnarchen ist ein Symptom der Schlafapnoe.

Weil in der Regel dann, wenn die Patienten nach einer gewissen Zeit eine Weckreaktion haben, weiß der Körper automatisch und merkt, dass er nicht mehr atmet. Dann kommt es häufig zu einem Aufplatzen des Atemwegs und dabei entsteht das Schnarch-Geräusch.

So dass also 95 % aller Patienten, die an einer Schlafapnoe leiden, auch schnarchen.

Mario D. Richardt: Wie viele Atemaussetzer sind denn noch okay und ab wann wird es gefährlich?

Also, wenn einmal in der Nacht mal der Atem aussetzt, ist es schon schwierig oder muss es schon fünf oder zehn Mal sein?

Miloš Fischer: Dafür gibt es korrekt eine Klassifikation:

Wenn fünf Atemaussetzer innerhalb einer Stunde auftreten und die Patienten über eine bestimmte Symptomatik, die zur Schlafapnoe passt, berichten, dann ist das per Definition eine Schlafapnoe.

Was sind die Symptome?

Mario D. Richardt: Was ist die Symptomatik, die dazu passt?

Miloš Fischer: In der Regel klagen die Patienten über einen nicht erholsamen Schlaf.

Sie wachen morgens auf, fühlen sich gerädert, nicht richtig ausgeschlafen, haben einen trockenen Mund, manchmal Kopfschmerzen und teilweise berichten sie auch über diese Weckreaktionen, also diese Atemnot während einer Aufwachphase in der Nacht.

Mario D. Richardt: Ich muss sagen, das hatte ich auch schon mal. Ich war im Tiefschlaf, habe auf dem Rücken gelegen und plötzlich so „Hööö!“ und habe quasi im Bett gesessen und stand erst mal so ein bisschen unter Schock, weil ich nicht wusste, was es ist.

Also war das quasi so ein Atemaussetzer?

Miloš Fischer: Korrekt!

Mario D. Richardt: Das heißt, ich müsste mich auch mal von Ihnen untersuchen lassen?

Miloš Fischer: Naja, da zählen noch andere Symptome hinzu, die das bekräftigen oder den Verdacht verstärken, ob eine Schlafapnoe vorliegt.

Dazu gehört auch eine körperliche Erschöpfung, Leistungsdefizite, sowohl körperlich als auch kognitiv.

Und aber auch depressive Verstimmung oder insbesondere bei Männern ein Libido- oder ein Potenzverlust.

Mario D. Richardt: Ja okay! Wenn ich das jetzt alles mal so an mir abzähle, muss ich sagen, dann ist es zum Glück noch keine Schlafapnoe.

Miloš Fischer: Gottseidank!

Mario D. Richardt: Hat sich denn an unserem Schlafverhalten im letzten Jahrhundert was geändert?

Miloš Fischer: Tatsächlich! Irgendwie ist es unsexy müde zu sein. Wir sind in einer permanenten Dauerspannung. Wer viel schläft, gilt als Versager.

Alle müssen immer früh wach sein, der frühe Vogel fängt den Wurm et cetera. Und nicht nur das, sondern auch die Industrialisierung, des heißt Schichtarbeit, zum Beispiel nachts arbeiten, oder enorme Vorhandensein von Licht verändert unser Schlafverhalten.

Und in den letzten 20 Jahren natürlich auch die Unterhaltungselektronik, die vorhanden ist 24 Stunden Entertainment-Programm im TV, im Internet, alles lässt unseren Schlaf weniger werden.

Mario D. Richardt: Führt das dann letztendlich auch dazu, dass es mehr Fälle von Schlafapnoe gibt?

Miloš Fischer: Zumindest wissen wir anhand der Studiendaten, dass in den letzten 20 Jahren die Prävalenz, also die Wahrscheinlichkeit des Auftretens der Erkrankung zugenommen hat, und zwar bis zu 40 %.

Mario D. Richardt: Aber was unterscheidet denn genau diese obstruktive Schlafapnoe vom einfachen Schnarchen?

Wenn man jetzt von diesem Atemaussetzer mal absieht.

Miloš Fischer: Das Schnarchen an sich ist eine akustische Belastung, in der Regel des Bettpartners, so wie wir es im ersten Podcast schon gehört haben. Die Schlafapnoe ist tatsächlich eine Erkrankung, die behandelt werden muss.

Denn durch diese ständigen Atemaussetzer haben wir nicht nur einen unerholsamen Schlaf, sondern durch die mangelnde Atmung sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut und das stellt ein Risiko für Folgeerkrankungen dar.

Mario D. Richardt: Was kann da schlimmstenfalls passieren?

Miloš Fischer: Das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen ist erhöht, das Risiko einen Schlaganfall zu entwickeln ist um das Zwei- bis Dreifache erhöht bei Patienten mit Schlafapnoe.

In der Regel sind die Patienten übergewichtig und haben auch einen erhöhten Blutdruck, auch das natürlich erhöht das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen.

Und was man vor allen Dingen weiß, Patienten, die an Schlafapnoe leiden und diese Tagesmüdigkeit haben, haben ein erhöhtes Verkehrsunfallrisiko, was zwei- bis siebenfach erhöht ist.

Mario D. Richardt: Weil es dann auch diesen berühmten Sekundenschlaf geben kann, auch vermehrt geben kann?

Miloš Fischer: So ist es!

Mario D. Richardt: Jetzt haben wir über die Konsequenzen gesprochen, was passieren kann, wenn man Schlafapnoe hat.

Aber gibt es denn Risikofaktoren, die die Entstehung der Schlafapnoe begünstigen?

Miloš Fischer: Korrekt! Es gibt Risikofaktoren, die für ein Schlafapnoe-Syndrom oder eine obstruktive Schlafapnoe prädisponieren. Ich hatte es schon erwähnt ganz kurz, es ist das Übergewicht.

Patienten, die an Schlafapnoe leiden, sind in 60 bis 90 % übergewichtig. Mit zunehmendem Alter erhöht sich auch das Risiko, an einer Schlafapnoe zu leiden. Es sind zum Teil anatomische Faktoren, Patienten, die zum Beispiel einen zurückstehenden Unterkiefer haben, haben ein erhöhtes Risiko.

Und auch der Konsum von Nikotin, Alkohol und bestimmten Medikamenten begünstigt das Auftreten von Schlafapnoe.

Mario D. Richardt: Weil dann auch Alkohol dazu führt, dass dann die Muskeln erschlaffen im Rachen?

Miloš Fischer: Genau! Das gehört zur Erholungsfunktion im Schlaf, dass die Muskulatur, der Tonus nachlässt, und der Konsum von Alkohol verstärkt das.

Was kann man selbst gegen eine Schlafapnoe tun?

Mario D. Richardt: Ist es so, dass Schlafapnoe nur bei Rückenschläfern auftritt?

Ich habe das vorhin gesagt, ich bin auch mal aufgewacht, lag auf dem Rücken, bin dann hochgeschreckt mit diesem „Hööö!“. Könnte man sowas verhindern, indem man auf der Seite schläft oder auf dem Bauch?

Miloš Fischer: Man unterscheidet tatsächlich die Schlafapnoe im Allgemeinen von der sogenannten lageabhängigen Schlafapnoe, und da in den allermeisten Fällen in der Rückenlage.

Und abhängig davon wie stark ausgeprägt diese Schlafapnoe ist, kann man das mit rein konservativen Mitteln wie zum Beispiel einer Veränderung der Schlafposition auch behandeln.

Das gilt aber nur für ganz wenige Fälle.

Mario D. Richardt: Wann sollte ich denn zum Arzt gehen?

Miloš Fischer: Tatsächlich, wenn der Bettpartner oder die Bettpartnerin über diese typischen Atemaussetzer berichtet und man selbst an diesen eingangs schon erwähnten Symptomen leidet, insbesondere der Tagesmüdigkeit, Tagesschläfrigkeit und der Einschlafneigung, dieser Sekundenschlaf, der auch mal mittags beim Zeitunglesen oder bei der Bildschirmarbeit auftreten kann.

Wie lange dauern die Atemaussetzer ca.?

Mario D. Richardt: Wenn wir jetzt über diese Atemaussetzer sprechen, wie lang muss denn so ein Atemaussetzer sein, dass er eine Relevanz dafür hat?

Also reden wir jetzt von fünf Sekunden oder von 30 Sekunden?

Miloš Fischer: Zehn Sekunden. Man unterscheidet aber auch die Atemaussetzer von verminderten Atemzügen, und da muss dann also ein bestimmter Anteil des Atemflusses reduziert sein, bei der eigentlichen Apnoe oder dem Atemaussetzer ist der Atemfluss um mindestens 90 % reduziert und hält für mindestens zehn Sekunden an.

Mario D. Richardt: Wann stockt der Atem? Ist das nach dem Einatmen oder nach dem Ausatmen?

Miloš Fischer: Man atmet nicht ein. Das ganz typische Symptom, der obere Atemweg kollabiert, fällt also zusammen, und der Körper strengt sich an, er versucht einzuatmen.

Man sieht das dann ganz typisch bei diesen Patienten, die stark ausgeprägten Brust- und Bauchbewegungen bei einem verschlossenen Atemweg, bis dann diese automatische Weckreaktion kommt.

Wie diagnostiziert man eine Schlafapnoe?

Mario D. Richardt: Patienten, die Schwierigkeiten haben mit dem Schlaf oder wo die Bettpartner feststellen, ah, hier könnte eventuell eine Schlafapnoe vorliegen, die kommen zu Ihnen. Was machen Sie denn, wie diagnostizieren Sie?

Miloš Fischer: Na ja, in der Regel hören wir uns natürlich die Krankengeschichte der Betroffenen beziehungsweise der Mitschläfer oder mit Mitschläferinnen an. Das ist eine sogenannte Fremdanamnese.

Dann gibt es standardisierte Fragebögen, die diese Tagesschläfrigkeit klassifizieren und quantifizieren. Und es kommt die klinische Untersuchung, in der Regel beim HNO-Arzt, weil wir Nase, Mundhöhle, Rachen und den Gesichtsschädel untersuchen. Alternativ können wir die Patienten auch bei einem Zahnarzt oder bei einem Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen vorstellen.

Erhärtet sich der Verdacht, dass so eine Schlafapnoe vorliegt, dann machen wir eine sogenannte ambulante Screening-Untersuchung, eine Polygraphie. Dabei wird der Patient mit Hilfe eines Gerätes verkabelt und für eine Nacht zu Hause vermessen.

Mario D. Richardt: Das ist aber noch nicht dieses Schlaflabor, das ist dann quasi eine Stufe weiter?

Miloš Fischer: Es ist eine Stufe davor.

Das ist erforderlich, weil einfach die Kapazität in den Schlaflaboren so gering ist, in Anführungsstrichen, dass wir im Vorfeld untersuchen müssen, ob der Patient tatsächlich ein Fall fürs Schlaflabor ist oder nicht.

Mario D. Richardt: Das heißt, man verkabelt sich selbst, bekommt das Gerät mit nach Hause, eine Nacht lang wird das getestet und dann zeichnet dieses Gerät auf, wie viele Atemaussetzer man hat oder ob man überhaupt welche hat?

Miloš Fischer: Genau, das ist richtig! Es wird aufgezeichnet, wie stark der Atemfluss ist, das Schnarch-Geräusch wird aufgezeichnet.

Wir messen die Herzfrequenz, also den Pulsschlag, den Sauerstoffgehalt im Blut, den Sauerstoffpartialdruck und die Bewegungen des Patienten, also wenn sich dieser Brust- und Bauchraum so stark anstrengt, und auch die Lage des Patienten, um zu unterscheiden, was für eine Art von Schlafapnoe vorliegt, wird mit aufgezeichnet.

Mario D. Richardt: Das heißt, das Gerät kann feststellen, wie ich liege?

Miloš Fischer: Richtig! Da ist so ein Bewegungssensor drin und das wird auf die Brust geschnallt und dann müssen die Patienten schlafen und abhängig davon in welcher Position, Bauch, Lage oder Rückenlage zeigt uns das Gerät das an.

Mario D. Richardt: Sind denn Fitnesstracker, Smartphone Apps oder vielleicht jetzt die iWatch geeignet, auch ohne Arzt eine Schlafapnoe festzustellen?

Miloš Fischer: Prinzipiell erhöhen sie zumindest die Prätest-Wahrscheinlichkeit, denn diese Geräte sind tatsächlich heutzutage in der Lage, ähnlich wie diese Polygraphie-Geräte die Messparameter zu erheben.

Die iWatch zum Beispiel, die kann den Pulsschlag, also auch ein tatsächliches Einkanal-EKG messen oder den Sauerstoffgehalt im Blut mit Hilfe einer LED.

Und wenn jetzt tatsächlich noch Big Brother zuschaut und zuhört, dann können mithilfe dieser Algorithmen auch entsprechende Voraussagen zum Schlafapnoe-Syndrom durch diese Geräte festgestellt werden.

Ganz aktuell, gestern erst habe ich gelesen, wurde publiziert, dass Google jetzt einen neuen HomePod bereitstellt, der auch Schallwellen aussendet, mit denen tatsächlich auch die Atmungsfunktion in der Nacht überwacht werden kann.

Mario D. Richardt: Das ist verrückt. Und ich muss sagen, es gibt nicht nur die iWatch, sondern auch andere Anbieter.

Ich habe zum Beispiel auch so ein Ding an der Hand, da wird auch tatsächlich dann der Schlaf getrackt, es wird die Herzfrequenz aufgezeichnet und es zeigt mir sogar an, welche Wachphasen ich habe, wie tief ich schlafe, also Tiefschlaf und weniger tiefer Schlaf.

Kann das also schon Anzeichen sein, wenn da steht, ich habe nur eine Stunde tief geschlafen, dass ich vielleicht doch Schlafapnoe habe?

Miloš Fischer: Zumindest kann eine entsprechende Voraussage getroffen werden.

Ersetzen eine entsprechende Untersuchung, insbesondere die im Schlaflabor, wo also auch ein Schlaf-EEG angefertigt wird, wo also die Hirnströme im Schlaf gemessen werden, können die Geräte nicht.

Aber die Algorithmen sind schon ziemlich gut, da eine entsprechende Vorhersage zu machen.

Mario D. Richardt: Wann geht’s denn ins Schlaflabor?

Miloš Fischer: Wenn wir im Rahmen unserer ambulanten Screening-Untersuchung tatsächlich feststellen, dass ein mittelgradiges Schlafapnoe-Syndrom vorliegt, also mindestens 15 Atemaussetzer pro Stunde Schlaf, und der Patient entsprechende Vorerkrankungen mitbringt, wie zum Beispiel Herzkreislauf-Erkrankungen oder ein Asthma.

Oder aber, wenn der Patient ein schwergradiges Schlafapnoe-Syndrom hat, und das liegt vor, wenn mehr als 30 Atemaussetzer pro Stunde Schlaf vorhanden sind.

Dann würden wir die Patienten zunächst zur Bestätigung des Befundes ins Schlaflabor schicken beziehungsweise um gegebenenfalls dort auch eine Beatmungstherapie einzuleiten.

Mario D. Richardt: Das heißt, da verbringt man dann eine Nacht oder sind das mehrere Nächte?

Miloš Fischer: In der Regel sind es zwei Nächte, weil in der ersten Nacht wird man noch mal vermessen als diagnostische Untersuchung, und wenn sich der Befund bestätigt, dann wird gleich in der zweiten Nacht die sogenannte Beatmungstherapie, die den Goldstandard bei der Schlafapnoe darstellt, eingeleitet.

Wie funktioniert die Beatmungstherapie?

Mario D. Richardt: Das heißt, man wird dann tatsächlich beatmet oder wie muss ich mir das vorstellen?

Miloš Fischer: Genau! Die Patienten bekommen also ein Gerät mit nach Hause, eine Pumpe, die mit einem gewissen Überdruck den Atemweg freihält.

Die Patienten müssen dann allerdings nachts eine Maske tragen, die berühmte Schlafapnoe-Maske.

Es gibt sehr kleine Modelle, die man nur auf der Nase tragen kann, oder aber auch größere, die sogenannten Mund-Nasen- oder Full-Face-Masken.

Mario D. Richardt: Wie sind da die Erfolgschancen, dass das funktioniert?

Miloš Fischer: Wenn die Patienten die Therapie gut annehmen, dann ist die Erfolgsquote sehr hoch.

Weil in dem Moment, wo der Atemweg durch den Überdruck im Schlaf offengehalten wird, ist die Schlafapnoe therapiert.

Benutzt man das Gerät nicht, weil man es zu Hause im Schrank stehen hat, dann wird auch die Schlafapnoe nicht therapiert.

Mario D. Richardt: Das klingt logisch. Welche Erfolgskriterien hat denn die Beatmungstherapie?

Miloš Fischer: Wenn die Anzahl der Atemaussetzer mindestens um die Hälfte minimiert wird und auf einen Wert minimiert wird, der unter 20 liegt, dann zählt das als erfolgreiche Therapie.

Das setzt aber voraus, dass die Patienten das Gerät mindestens fünf Tage die Nacht und mindestens vier Stunden pro Nacht benutzen.

Mario D. Richardt: Gibt es Probleme bei der Beatmungstherapie?

Miloš Fischer: Ja, das ist natürlich so, wir wissen aus den Studienlagen, dass in 30 bis 50 % der Fälle diese nicht oder nur unzureichend genutzt wird.

Da können Probleme auftreten wie zum Beispiel Leckagen, Druckstellen oder manchmal auch allergische Reaktionen auf das Material der Masken.

Mario D. Richardt: Was sind Leckagen?

Miloš Fischer: Wenn die Luft vorbeipfeift, die muss natürlich fest auf dem Gesicht oder auf der Nase aufsitzen, damit die Luft dann in die Nase oder in die oberen Atemwege eingepumpt wird.

Mario D. Richardt: Welche Therapiealternativen haben wir denn für die Beatmungstherapie, wenn das jetzt nicht so fruchtet?

Miloš Fischer: Wir sprechen von der sogenannten CPAP-Intoleranz, also wenn die Patienten eben diese Maske nicht vertragen, aus welchen Gründen auch immer, oder ablehnen, auch das gibt es natürlich, dann gibt es neben den allgemeinen konservativen schlafhygienischen Maßnahmen, wo auch die Gewichtsreduktion dazu zählt, die Möglichkeit eine sogenannte Unterkiefer-Protrusionsschiene zu tragen oder operative Therapien.

Mario D. Richardt: Gewichtsreduktion heißt, wie viel müsste man prozentual abnehmen? Gibt es da so eine Richtlinie?

Miloš Fischer: Genau! Man weiß, dass wenn das Körpergewicht um 10 bis 15 % abnimmt, auch die Anzahl der Atemaussetzer um 50 % abnimmt. Also das ist auf jeden Fall schon mal hilfreich.

Mario D. Richardt: Das ist wirklich ein starker Wert, würde ich mal sagen.

Miloš Fischer: Ja. Wenn wir jetzt mal von so einem stattlichen Mann ausgehen, der 120 Kilo wiegt, dann heißt das, der müsste schon …

Mario D. Richardt: … 12 Kilo runter?

Miloš Fischer: Mindestens. Und das ist in vielen Fällen nicht einfach.

Mario D. Richardt: Das stimmt natürlich auch wieder. Wie funktioniert denn die Unterkiefer-Protrusionsschiene?

Miloš Fischer: Diese ist ganz offiziell auch entsprechend der Leitlinie als Alternative zugelassen bei der leicht- oder mittelgradigen obstruktiven Schlafapnoe.

Und durch eine Unterkiefervorverlagerung, die stattfindet in dem Moment, wo man diese Schiene im Mund trägt, wird der Atemweg erweitert. Allerdings wird empfohlen, dass das von Zahnärzten angepasst wird, denn sie ist nur dann hilfreich, wenn sie nach einem individuellen Abdruck angefertigt wird, am Kiefer verankert werden kann und auch in Millimeterschritten einstellbar ist.

Mario D. Richardt: Und sie ist auch nur dann hilfreich, wenn sie nicht in der Nachttischschublade liegenbleibt.

Miloš Fischer: Genauso wie das Beatmungsgerät. Korrekt!

Gibt es operative Methoden als Alternative zu den Geräten?

Mario D. Richardt: Kann man irgendwann oder muss man irgendwann auch operieren? Haben Sie da eine Alternative zu den Geräten?

Miloš Fischer: Natürlich gibt es auch operative Methoden, die helfen, die Schlafapnoe zu therapieren. Das eine ist natürlich die Operation an den oberen Atemwegen, sprich, der Nase.

Man weiß, dass die Verbesserung der nasalen Flussverhältnisse nicht die Schlafapnoe therapiert, aber sie reduziert die Tagesschläfrigkeit, sie reduziert das Schnarchen und mit Hilfe der verbesserten Nasenatmung kann gegebenenfalls auch der Beatmungsdruck dieser Beatmungsmaschine reduziert werden, was wiederum die Compliance, also die Nutzung des Gerätes, die Akzeptanz des Patienten der Therapie verbessert.

Wenn Patienten jetzt tatsächlich überhaupt nicht mit dem Beatmungsgerät zurechtkommen, dann muss man entsprechend der anatomischen Verhältnisse im oberen Atemweg, zum Beispiel bei stark vergrößerten Gaumenmandeln handeln. Da kann man durch eine Entfernung der Gaumenmandeln und eine Straffung des Gaumens auch signifikant die Anzahl der Atemaussetzer reduzieren.

Was ist ein Zungenschrittmacher und wie funktioniert er?

Mario D. Richardt: Ich habe irgendwo mal gelesen, es gibt so eine Art Zungenschrittmacher. Was ist da dran?

Miloš Fischer: Das ist eine ganz moderne und neue Therapie, die in den letzten Jahren nicht nur sehr gute Ergebnisse gezeigt hat, sondern mittlerweile auch vom Gemeinsamen Bundesausschuss als potenzielle Ersatztherapie akzeptiert ist. Es ist die sogenannte obere Atemwegsstimulation oder Stimulation des Nervus Hypoglossus.

Das ist der Nerv, der die Zunge bewegt, und zwar durch eine gezielte Aktivierung der Nervenfasern, die die Zunge nach vorn bewegen beim Schlaf, wird der Atemweg eröffnet. Schrittmacher deshalb, weil es im Prinzip genau das gleiche Gerät ist wie ein Herzschrittmacher. Aber mit Hilfe einer Sonde wird erkannt, wann der Patient einatmet und immer dann atmungsgetriggert wird also ein kleiner elektrischer Impuls an den Nerven gegeben, der die Zunge nach vorn bewegt.

Mario D. Richardt: Ich stelle mir das gerade so im Kopfkino ein bisschen spooky vor.

Dann rutscht die Zunge nach hinten, klar, das wäre dann so der Zeitpunkt, wo man dann wahrscheinlich den Atemaussetzer bekommen würde, und dann zappelt plötzlich wie von selbst die Zunge rum im Mund?

Miloš Fischer: Ganz genauso ist es. Patienten können diese Therapie natürlich individuell steuern, das geht nicht von alleine. Sprich, sie haben eine Fernbedienung, mit der sie das Gerät starten können, und dann gibt es auch eine kleine Phase, in der die Patienten einschlafen können, in der Regel eine halbe oder eine dreiviertel Stunde, und erst dann aktiviert sich das Gerät.

Aber tatsächlich ist in dem Moment die Zunge autark tätig. Das heißt, Sie können weder sprechen, essen noch trinken. Wenn ein Patient nachts mal wach wird, zum Beispiel, um auf Toilette zu gehen oder um etwas zu trinken, dann muss er das Gerät mal ausschalten, sonst macht die Zunge, was sie möchte.

Mario D. Richardt: Ich stelle mir das gerade ein bisschen lustig vor. Aber stark, dass es sowas Neues, Modernes gibt.

Miloš Fischer: Absolut!

Mario D. Richardt: Gibt es denn eine 100 % erfolgreiche Therapie? Also wenn jemand zu Ihnen kommt mit einer Schlafapnoe, dass Sie sagen, wir kriegen das zu 100 % gelöst das Problem.

Miloš Fischer: Die gibt es tatsächlich. Die würde ich aber in den allermeisten Fällen den Patienten nicht empfehlen, denn es ist die Anlage eines sogenannten Luftröhrenschnittes, die Tracheotomie, bei der man im Prinzip den nahezu gesamten oberen Atemweg überbrückt.

Aber das geht natürlich mit sehr starken Lebensqualitätseinschränkungen einher, sodass man das tatsächlich nur als sogenannte Ultima Ratio, also als allerletzte Lösung bei Patienten anwendet, die über schwerste Schlafapnoe klagen, wo keine andere Therapie möglich ist.

Mario D. Richardt: Wo es dann auch im Prinzip wirklich um Leben und Tod geht.

Miloš Fischer: Genau!

Mario D. Richardt: Gibt es denn Smartphone Apps, die die Patienten bei der Therapie unterstützen können?

Miloš Fischer: Ja, viele Hersteller von den Beatmungsgeräten stellen mittlerweile Apps zur Verfügung, und auch die Firma, die diesen Zungenschrittmacher herstellt, mit denen die Patienten a) die Nutzungsdauer selbst kontrollieren können, mit denen sie den Therapieerfolg messen können, und auch so direkt mit ihren Ärzten kommunizieren können.

Mario D. Richardt: Dr. Fischer, es war sehr aufschlussreich. Vielen Dank! Es war mir ein Vergnügen.

Miloš Fischer: Hat mich gefreut. Vielen Dank!

Mario D. Richardt: Und Ihnen vielen Dank, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Die nächste Folge gibt es dann am nächsten Mittwoch. Da heißt es wieder „kernig & gesund“.

Sie können „kernig & gesund“ überall hören, unter anderem auf kernig-und-gesund.de, aber natürlich auch bei Apple, Google, Spotify und Co.. Bis zum nächsten Mal! Tschüss!